Am einem Freitagabend stand ich vor der Tür einer Synagoge. Sie war verschlossen, wie immer.
Durch die Glastüre sah ich einen würdigen Herren in schwarzer Kleidung auf mich zukommen, der mir aufmachte.
Er fragte mich nach meinem Begehr, nach dem Wohin und Woher, und wer ich sei. Ich beantwortete alle seine Fragen und zeigte ihm auch meinen Personalausweis, wie mir das im Büro schon vor ein paar Tagen gesagt worden war.
Ich wurde eingelassen.
Nun fragte ich meinerseits, mit wem ich es zu tun habe. Sicher ein etwas höheres Mitglied der Gemeinde, vielleicht gar der Rabbiner persönlich?
So vermutetet ich.
Doch nein, mein "Empfangs-Chef" war gar kein Mitglied der jüdischen Gemeinde, ja, er war noch nicht mal Jude!
Er war ein Beamter der baden-württembergischen Kriminalpolizei ..... im Sondereinsatz ... bewaffnet ... licensed to kill!
Echt wahr!
Und gleichzeitig war er auch eine Seele von Mensch und erklärte mir dann nach und nach einiges, während er alle Neuankömmliche einließ und begrüßte.
Außer mir war ja kein Fremder darunter, der überprüft werden musste ......
Die Besucher begrüßten den Sicherheits-Chef des Hauses mit "Schabbes Schalom!"
Also etwa: "Friede sei mit dir am Sabbat!"
Ich wurde ebenso begrüßt - und grüßte schon bald mit "Schabbes Schalom!" zurück, als hätte ich meiner Lebtag nichts anderes gesagt! *ggg*
Ich erfuhr dann, wie die Gemeinde sich zusammensetzt. Der Großteil kommt aus Russland. Daher waren viele Mitteilungen dort sowohl auf Deutsch wie auch auf Russisch zu sehen - in den kyrillischen Buchstaben, die ich so gerne entziffere!
Einen eigenen Rabbiner hat die Gemeinde zur Zeit nicht, doch gibt es einen Gastrabbiner aus Russland und einen Kantor aus Frankreich.
Als badische Katholiken waren der Sicherheits-Chef und ich also die beiden Exoten im Haus. Recht international - oder sagen wir mal multikulturell - ging es da zu!
Der Rabbiner aus Russland erinnerte mich übrigens sehr an den Rabbi Seligmann aus dem Film "Die Abenteuer des Rabbi Jacob" mit Louis de Funès. Und ich meine das als Kompliment!
Schließlich ging ich in den Gebetsraum, und bald danach begann der Gottesdienst.
Als der Kantor mit seinem Gesang begann, war ich SOFORT gepackt!
Es war sehr berührend und sehr feierlich.
Und ich war mir bewusst: Was ich jetzt höre, das sind Worte und Melodien, die Jahrtausende alt sind! Dagegen ist der Gregorianische Gesang, den ich auch sehr mag, geradezu modern!
Obwohl ich außer dem immer wiederkehrenden "Adonai!" so gut wie kein Wort verstand, war es mir nie auch nur eine Sekunde langweilig.
Ich war fast enttäuscht, als der Gottesdienst zu Ende war, und jeder jedem die Hand gab zum Friedensgruß "Schalom!"
Gerne würde ich die Gesänge hier einmal wiedergeben.
Hier als Beispiel ein Text, der an dem hohen Feiertag Jom Kippur gesungen wird:
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In Antwort auf: Das Kol Nidrej-Gebet am Abend von Jom Kippur
Kol Nidrej ist das feierliche 'Auftaktgebet' für die Gebete an Jom Kippur. Kol Nidrej entstand im Mittelalter. Oft hatten die Juden ihrem Glauben abschwören müssen und mit diesem Gebet baten sie, diese Schwüre ungeschehen zu machen. Die Entbindung aller Gelübde wie es im folgenden heißen wird, entbindet aber nicht von Geschäftsverträgen.
Kol Nidrej ve esarej. ve charamej. ve konamej. ve chinusej. ve kinusej uschvu'ot. Dinedarena. Ude'ischete va'ena. Ude'acharimna. Ve'diasarjna. al nafeschatana. Mi Jom Kippurim Zeh ad jom Kippurim habah Alejnu le'tovah. Kolhon Achratena be'hon. Kolhon jehon saran. Schewikin. Schewitin. be'tilin u'mevutalin. La scheririn ve'la kajamin. Nideranah la Nidrej. Uschvu'atana la schevuot.
Vielleicht werde ich diesen Text auch einmal original gesungen hören, denn mein Besuch in der Synagoge wird wohl nicht mein letzter bleiben!
Ich konnte im übrigen doch mitverfolgen, was am letzten Freitag gesungen worden war. Als ich sah, dass mein Nachbar ein Gesangbuch dabei hatte, fragte ich ihn, ob es noch mehr davon hier gäbe. Freundlich ging er mit mir zu einem Tisch in der Ecke, wo noch ein paar Exemplare lagen.
Ein interessantes Buch! Natürlich wußte ich schon, dass man Hebräisch von rechts nach links liest.
Doch war es dann etwas ungewohnt und exotisch, nun ein Buch zu haben, auf dem die letzte Seite die erste war, und das man von hinten nach vorne liest!
Wobei immer auf der rechten Seite der Text in hebräischen Buchstaben steht, und links die deutsche Übersetzung.
Nach dem Gottesdienst wude ich noch zu einer Art Imbiss eingeladen.
Auf einem ovalen altar-ähnlichen Tisch standen Gläser mit Rotwein und Tellerchen mit Knabbersachen, auch schöne Feigen darunter.
Der Kantor stand hinter dem Tisch und sang wunderbar eindrucksvoll.
Der Gast-Rabbiner bemerkte, dass ich noch keinen Rotwein hatte.
Er zog mich zum Altar, und der Kantor schenkte mir lächelnd aus einer Rotweinflasche ein, ohne dabei seinen Gesang zu unterbrechen.
Überhaupt ging es sehr leger zu.
Schließlich hob der Kantor eine rote und goldbestickte Samt-Decke auf, und darunter kam ein schöner Brotlaib zum Vorschein.
Der wurde dann verteilt gemeinsam gegessen.
Spätestens da dämmerte es mir:
"Was ich hier erlebe, das ist die Urform des Abendmahls!"
Doch in einer angenehm entspannten Mischung von Feierlichkeit und Normalität, fast wie bei einem richtigen Essen!
Und weil ich als badischer Winzer gerne gewusst hätte, was für einen Wein ich getrunken hatte, ging ich später hinter den "Altar" und schaute mir die Flasche an.
Das Etikett war drei-sprachig: Hebräisch, Englisch, deutsch.
Es war Rotwein aus Israel, koscher also!
Ein Cabernet Sauvignon, Jahrgang 2004. Nicht schlecht!
Einer der Umstehenden nickte mir anerkennend zu.
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Nun stellt euch mal vor, ihr geht in einer katholischen Kirche beim Gottesdienst hinter den Altar und fragt den Pfarrer: "Ähmmm .... was haben Sie denn da so .. als Messwein? ....... einen Riesling Kabinett aus Baden? ... aha ... nicht schlecht ........ist er denn auch trocken?"
Cabernet Sauvignon mhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh lecker. Ich stelle mir das grade so vor wie dass wohl waere den Pfarrer in der katholischen Kirche in schwulitaeten zu bringen. Ob er so ein Gesicht macht. Amuesiert mich diese Vorstellung. Und zu diesem Gebet. Ich habe mir jedes einzelne Wort durchgelesen. Es hat mich beruehrt, ja, es hat was total magisches. Ganz toll. Du beschreibst dass so als waere man selbst dort. Echt spannend. Bis Bald Blaulicht Silvia
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EIGENSCHUTZ GEHT VOR ________________________ *********************
Das war nun mein erstes Freitagsgebet in einer Synagoge gewesen. Bei der Verabschiedung ermunterte mich der Sicherheits-Chef des Hauses, doch morgen wiederzukommen. Der Samstagsgottesdienst sei noch eindrucksvoller als das Freitagsgebet.
Ich müsse mich nun auch nicht mehr ausweisen, ich sei ihm ja nun schon persönlich bekannt.
Ich zögerte und sagte, ja, ich würde gewiss einmal wiederkommen, wenn auch nicht gerade am nächsten Tag schon wieder.
Doch am Samstagmorgen dachte ich dann: "Warum eigentlich nicht?"
Gesagt, getan. Ich ging zum jüdischen Samstagsgottesdienst.
Und da erlebte ich eine nette Begebenheit, die ich so ankündigen könnte:
In Antwort auf: "Wie ich einen kleinen Faux-Pas beging - und enttarnt wurde!"
Als ich auf die Synagoge zuging, sah ich schon von weitem den orthodoxen Gast-Rabbiner. Er kam über eine Fußgängerbrücke auf mich zu, hoch über mir. Und so hob sich sein großer schwarzer Hut und sein schwarzer Mantel besonders eindrucksvoll gegen den Winterhimmel ab. Ein Bild, das sich mir fest eingeprägt hat.
Dabei hatte er seine beiden kleinen Kinder, ein Mädchen und einen Jungen, beide etwa im Alter von drei Jahren.
Und für mich waren diese beiden Kinder später dann eines der Highlights des Gottesdienstes!
Diese beiden Kinder - und die prächtigen Thora-Rollen!
Am Samstag war der Gottesdienst nicht nur rein hebräisch, es gab auch eine Ansprache auf Deutsch.
Das war fast wie ein kleiner Dialog des Kantors mit der Gemeinde. Man konnte da auch Fragen stellen oder was kommentieren.
Ich fand das höcht interessant und habe mich auch keien Sekunde gelangweilt, wie sont oft bei Predigten.
Und es ist auch so, dass man während des Gottesdienstes aufstehen kann und quer durch den Raum zu einem Bekannten gehen kann, um ihn zu grüßen und sich mit ihm zu unterhalten.
Die Tür des Raumes steht auch immer weit offen. Man kann raus und reingehen, wie man will - eine Zigarette rauchen draußen, einen Kaffee trinken, oder was auch immer.
Und das Schönste: Das wirkt überhaupt nicht störend! Und so haben auch die beiden Kinder des Gast-Rabbiners nicht gestört.
Das Mädchen und der Junge futterten Chips aus einer Tüte und spazierten im Raum umher.
Ab und zu gingen sie zum Altar und holten Nachschub - auch mal einen Lutscher.
Oder sie spielten auf dem Boden.
Auf eine Weise, die ich "still-vergnügt" nennen möchte.
Sie haben echt überhaupt nicht gestört!
Sie waren im Gegenteil eins der Highlights des Gottesdienstes, wie ich schon sagte.
Spätestens bei diesem Vorfall kamen am Tisch wohl leichte Zweifel auf, ob ich denn ein echter Rabbiner sei!
Ich selbst wusste zu diesem Zeitpunkt ja noch gar nicht, dass man mich für einen Rabbiner gehalten hatte.
Sonst hätte ich vielleicht in meinem besten Jiddisch gesagt:
"No na! Ech seyn de Rebbe Waldbaum vun de argentinisch-jemenitischen Gemaynde in Chicago-Süd ...... und hebben mir de Gewonnhayt, ze essen de Fisch direggdd nooch'm Wayn-Seggen ....... aber direggdd, baruch haschem!"
Vielleicht wär ich ja damit durchgekommen? Wer weiß?