Die folgenden Texte sind aus dem Sufismus. Für die Sufis ist die Liebe zwischen Menschen Abbild der Liebe zwischen Gott und Mensch. Oder: Gott liebt sich selbst in dir und mir. Ich finde, manches eignet sich sehr schön für einen Liebesbrief.
Dein Licht hat mein finsteres Gemüt durchleuchtet; Deine Liebe wohnt in den Tiefen meines Herzens; Deine eigenen Augen sind das Licht meiner Seele; Deine Kraft wirkt hinter meinem Tun; Dein Friede nur ist meines Lebens Ruh; Dein Wille waltet hinter jeder meiner Regungen; Deine Stimme ist hörbar in den Worten, die ich spreche; Dein eigenes Bild ist mein Antlitz, Mein Leib ist nur die Hülle Deiner Seele; Mein Leben ist Dein eigenster Atem, Du mein Geliebter, Und mein Selbst ist Dein eigenes Wesen.
Du hast vieltausendmal mein Herz gewonnen; verhüllt kommst Du einher in manch einer Verkleidung, und ohnegleichen bist du stets in jeglicher Gewandung. Wen zöge sie nicht an, die Herrlichkeit, die Du so kunstvoll über das Angesicht der Erde ausgegossen hast? In lichter Schönheit strahlest Du in Myriaden Gewändern. Dein ist sie, diese Schönheit, und doch wirst Du davon nicht angezogen. Als Freund, als Feind trittst Du auf - auf des Lebens bunter Bühne, und Du allein siehst das Spiel sich so wundervoll vollenden. Ich habe so lange Dich gesucht, Geliebter, und nun habe ich endlich dich gefunden, Gewinner meines Herzens, und, da ich dich fand, ging ich mir selbst verloren.
Überall, wohin ich schaue, erblicke ich unter vielen Schleiern Dein geliebtes Antlitz. Meiner immersuchenden Augen magische Kraft hat den Schleier von Deinem strahlenden Antlitz gelüftet, und Dein Lächeln hat vieltausendmal mein Herz gewonnen. Der Glanz Deines durchdringenden Blickes hat meine umdunkelte Seele erleuchtet, und sieh da! Überall erschaue ich lauter Sonnenschein!
Stehen wir von Angesicht zu Angesicht, Geliebter, so weiß ich nicht, ob ich Dich "Ich" oder "Du" nennen soll. Ich sehe mich selbst, wenn du nicht vor mir stehst; wenn ich dich aber schaue, bin ich mir selbst entschwunden. Als hohes Glück schätze ich es ein, wenn Du mit mir alleine bist; aber höchster Segen ist es mir: ganz ausgelöscht zu sein.
Dein Raunen ins Ohr meines Herzens entzückt meine Seele. Freudewogen wallen auf in meinem Herzen und bilden ein Netz, worin sich wiegen möge Dein lebendiges Wort. Allem äußeren Rufen taub, harret mein Herz geduldig Deines Wortes. O Du, im Schrein meines Herzens Weilender, laß Dein Wort mir wieder erklingen; Deine Stimme beseligt meinen Geist.
Der Zauber Deiner anmutsvollen Gebärden lockt meine Seele zum Tanze, und es schlägt mein Herz im Takte Deiner tanzenden Schritte. Der tiefe Eindruck Deines milden Antlitzes, o Gewinner meines Herzens, legt sich verhüllend vor meinen Blick auf alle sichtbaren Dinge. Vieltausendmal wiederholt mein Herz die Weise Deines Flötenspiels, und es schwindet durch sie meine Seele im Gleichklang mit dem ganzen Weltall.