Der Buddhismus ist eine der großen Weltreligionen, er zählt heute ungefähr 500 Millionen Anhänger und weit mehr Sympathisanten. Entstanden ist diese Religionsform ab dem 5. Jh. v. C. in Indien, aus der Bewegung der Wanderasketen. Siddharta Gautama war eine der prägenden Gestalten dieser neuen Lebensform und Weltdeutung. Ihre Kritik richtete sich vor allem gegen die Opferriten der Brahmanen und die altindische Kastenordnung. In der buddhistischen Reformbewegung gelten alle Menschen und alle Wesen als gleichwertig. Alle Menschen, ob reich oder arm, ob aus hohen oder niedrigen Kasten, ob Frauen oder Männer haben die gleiche Chance, zur „Erlösung" vom leidvollen Dasein zu gelangen. Denn alles Leben ist leidvoll. Doch das Leiden kann vermindert werden, wenn die Gier nach Besitz und nach Leben zurückgenommen wird. Ziel des Lebens ist die Erlösung vom Leiden und die Beendigung des Kreislaufs der vielen Geburten. Die innere Lebenskraft des Menschen soll zur „Erleuchtung" und zur Ruhe kommen. Die Gläubigen möchten so schnell wie möglich den Kreis der vielen Geburten beenden. Dafür müssen sie eine bestimmte Lebensform verwirklichen, sie müssen ein Leben lang nach der Erlösung streben. Zur Lebensform des Buddhisten gehört die Meditation, die Sammlung der Lebenskräfte. Zu ihr gehört dann die Einübung in den Verzicht, das Erlernen von Mitgefühl mit allen Lebewesen, den Mitmenschen zuerst. Der Gläubige geht den „mittleren Weg" zwischen dem übertriebenen sinnlichen Genuß und der Verweigerung der Sinnlichkeit. Für ihn gelten die fünf Grundgebote, nämlich kein Leben zu töten, nicht zu lügen, nicht zu stehlen und zu rauben, keine unerlaubten sexuellen Beziehungen zu haben, keine berauschenden Getränke zu trinken. Doch das Grundgebot für alle Buddhisten lautet, das Mitgefühl mit den Leidenden zu lernen und Leiden zu verringern, wo es nur möglich ist. Die gelebte Ethik ist entscheidend für die Erlösung, nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kaste. Die alten Schutzgötter werden relativiert, ja der erleuchtete Mensch kann sogar höher steigen als in die Welt der Götter. Jeder Gläubige soll sich am ersten Erleuchteten (Buddha) ein Vorbild nehmen, er soll ihm nacheifern. Er muß der heiligen Lehre folgen, dann kann er sich in der Gemeinschaft der Glaubenden geborgen fühlen. Im Laufe der Zeit bilden sich mehrere Formen des buddhistischen Glaubens. Zunächst gibt es den Mönchsbuddhismus, das „Kleine Fahrzeug" zur Erlösung. Er legt großen Wert auf Askese und Verzicht, Mönche und Nonnen sind der Erlösung näher als die Laien. Hingegen sieht der Laienbuddhismus, das „Große Fahrzeug" auf dem Weg zur Erlösung, die Sinnlichkeit als ein göttliches Geschenk, das es zu entfalten gilt. Wichtig sind das gelebte Mitgefühl und die Barmherzigkeit. In den Zen-Buddhismus fließen Lebensformen der japanischen Kriegerethik ein, dort gelten Abhärtung und Willenstraining als Mittel zur Erlösung. Im Varajana-Buddhismus, dem „Diamantenen Fahrzeug", erkennen wir viele Elemente der alttibetischen Volksreligion, auch hier hat Sinnlichkeit einen hohen Stellenwert. Bestimmend für das buddhistische Leben ist der ethische Altruismus. Jeder Gläubige soll Mitgefühl mit den Leidenden zeigen, er soll auf der Seite der Schwachen stehen. Denn es sollen alle Lebewesen vom Leiden erlöst werden. Die eigenen Verdienste können auf andere Menschen und Wesen übertragen werden. Doch die Mönche und Nonnen stehen der Erlösung näher als die Laien, die noch öfter geboren werden müssen. Alle Gläubigen streben nach der „Gnade" des Buddha, den sie voll Vertrauen anrufen. Sie wollen voll Barmherzigkeit und in Friedfertigkeit leben. Die Meditation spielt in ihrem Leben eine große Rolle, sie wollen ihre Lebenskraft stärken. Und sie müssen sich regelmäßig durch das Ritual und Bekenntnis von der Schuld reinigen. Sie sprechen die heiligen Texte und den Lobpreis des Buddha. Es geht in ihrem Leben nicht zuerst um das Genießen der Dinge und der Güter. Es geht um das Teilen der Güter, damit auch andere Menschen gut leben können. Wer nicht mehr an seiner eigenen Person hängt, wird reif, in die kosmische Leere einzugehen. In Europa und den Vereinigten Staaten verbreitet sich seit langem der westliche Buddhismus, auch Neo- Buddhismus genannt. Menschen der westlichen Kultur versuchen zunehmend, auf selektive Weise buddhistische Lebenswerte zu verwirklichen. Durch die Meditation wollen sie ihre innere Lebenskraft stärken. Und sie ringen um Mitgefühl mit den Leidenden, den Bedrückten, den Armen. Ihr persönlicher Einsatz gilt einer Kultur der Versöhnung und des Friedens. So prägt der Buddhismus eher eine friedvolle Kultur, der gewaltlose Widerstand gegen Unterdrückung wird ein Zielwert. Der Gläubige darf und muß sich mit angemessenen Mitteln verteidigen, wenn er angegriffen wird. Doch er darf nicht von sich aus Mitmenschen angreifen oder einen Angriffskrieg beginnen. Das Menschenbild ist positiv und optimistisch, der Mensch ist von Natur aus gut und zum Guten fähig. Der Gläubige freut sich an Sinnlichkeit und Sexualität, er sieht darin ein göttliches Geschenk. Doch hängt er nicht an seiner Sinnlichkeit und seinem Besitz. Der Buddhist übt sich im Loslassen der Dinge, er will nichts krampfhaft festhalten, wenn er sich aus diesem Leben verabschiedet. So übt er sich in die Kunst des Abschiednehmens und des Sterbens ein. Er hofft auf die lichtvolle Stille, in die er eingehen möchte. Einen Monopolanspruch auf seinen Glauben benötigt er nicht. Für ihn gibt es viele Wege zur Erlösung und zur Erleuchtung. So können Buddhisten tolerant mit anderen Religionen und Überzeugungen zusammen leben. Von diesen Grundgedanken sind die Lebensweisheiten der Buddhisten.