Ein wunderschönes Hotel in absoluter Wildnis und Einsamkeit.
In der Nähe steht noch eine Hütte der schottischen Bergwacht.
Dort lag ... und liegt sicher immer noch ... ein Buch auf, in das Wanderer sich eintragen sollen, falls sie in den Bergen verloren gehen und gesucht werden müssen.
Ich lächelte etwas darüber.
Nein, diese Schotten aber auch .... dachte ich.
Wie kann man denn in diesen kahlen und übersichtlichen Bergen verloren gehen?
Die Wanderung zum Loch Brandy hielt ich für einen kleineren Spaziergang.
Schließlich hatte ich schon zweimal den majestätischen Lochnagar in der Nähe erstiegen. Das war eine weit längere Wanderung gewesen.
Anstrengend wohl, aber lohnend.
Der Pfad zum Loch Brandy ging steil bergauf. Wobei "Pfad" stark übertreiben ist. Meist war da gar nichts Pfad-Ähnliches zu sehen. Ich peilte einen Felsen in der Richtung des Sees an, und hielt darauf zu.
Über Stock und Stein, kleinere Felsen, Heidekraut, Farn, und Heidelbeeren.
Viele Schafe weideten überall.
Sie schauten mich verwundert an. Viele Menschen sahen sie wohl nicht hier in ihrer Bergeinsamkeit.
Bleiche Gerippe lagen da und dort verstreut.
Von Schafen oder von Menschen?
Ersteres wohl, hoffte ich mal ....
Loch Brandy ließ auf sich warten. Eigentlich müsste ich nun langsam in der Nähe sein, nach meiner Rechnung.
Ich prüfte Weg und Entfernung ausf der Karte. Einer jener ausgezeichneten britischen Ordnance Survey Karten. Militärkarten eigentlich, aber auch für ziviles Wandern sehr geeignet.
Und da machte ich eine Entdeckung der unangenehmen Art:
Ich hatte den falschen Felsen angepeilt! Verpeilt, sozusagen.
Und hier war ich nun, in the middle of nowhere, ein Schaf unter Schafen.
Zumindest aber noch am Leben, nicht wie die bleichen Gerippe meiner Vorgänger hier ....
Hier in dieser Einöde war kein Wanderer mehr unterwegs. Vom Tal aus konnte man mich nicht sehen. Nur von einem Hubschrauber aus wäre ich sichtbar gewesen.
Von einem Hubschraber der schottischen Bergwacht aus vielleicht. Doch - ob ich dann noch leben würde?
Jetzt kam mir wieder in den Sinn, dass unten im Tal in einer Hütte ein Buch der Bergwacht auslag, in dem ich mich hätte eintragen können oder besser auch sollen, dass ich mich auf eine Wanderung in die Berge begeben würde.
Ich hatte darüber gelächelt - und mich NICHT eingetragen.
Jetzt verstand ich den Sinn einer solchen Eintragung.
Und wie mir meine Freunde in Dundee dann später erzählten, vergeht kein Jahr, ohne dass im schottischen Hochland Menschen zu Tode kommen.
Und ich hatte nicht vor, diese Liste zu verlängern .......
Zwei Tage danach nahm ich Loch Brandy wieder in Angriff. Diesmal brach ich so rechtzeitig auf, dass ich nicht Gefahr lief, in die Dunkelheit zu geraten. Und ich achtete darauf, dieses Mal den mit Sicherheit richtigen Felsen anzupeilen.
Und dennoch sah es diesmal so aus, als müsste ich die Wanderung schon viel früher abbrechen als beim ersten Mal ....
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Es war so:
Die schottische Landschaft ist nicht nur reich an Schönheiten, sondern auch reich an alten Holzzäunen.
Gewöhnlich hat der Wanderer zwei Möglichkeiten, sie zu durchqueren.
1. Es gibt da ein kleines Tor, dass man höflicherweise wieder hinter sich schließt, um die Schafe drinnen und das Wild draußen zu halten - oder auch umgekehrt, as the case may be.
2. Es gibt da eine kleine Steighilfe oder eine Art primitive Leiter, genannt "stile"
Hier in der ersten Bildreihe seht ihr drei Beispiele:
Als ich vor Jahren ohne große Mühe den mächtigen Berg Lochnagar erstiegen hatte, da war ich 26 und später 31 Jahre alt gewesen.
Nun war ich e bissl älter.
Ob ich mir womöglich zu viel zugemutet hatte, jetzt nochmals "im hohen Alter" eine ähnliche Wanderung zu machen?
Vielleicht konnte ich das ja gar nicht mehr?
Oder jedenfalls nicht mehr so leicht wie damals?
Solche eher pessimistische Gedanken überfielen mich in dieser herrlichen Landschaft ... an einem schönen Sommertag.
Doch so wie meine Herzschmerzen mit der Zeit abklangen, so verflogen mit der Zeit auch meine traurigen Überlegungen.
Statt dessen kamen positive Gedanken, etwa in der Art:
"Na - das wollen wir doch mal sehen, ob ich das nicht doch noch schaffe! Der Berg hat gerufen! Und ich komme! Es gibt viel zu tun- weit und hoch zu steigen! Packen wir's an!"
Und mit frischem Schwung setzte ich meine Wanderung zum Loch Brandy fort.